Ich und So

Familien sind unsichtbar oder auch #CoronaElternrechnenab

12. Mai 2020

#coronaelternrechnenabSeit dem 16.03.2020 werden meine Kinder nicht mehr beschult oder ausser Haus betreut. Seit diesem Tag wurde ich von unserem Land „gezwungen“ weitere Aufgaben zu übernehmen, für die ich nicht mal ausgebildet bin.

Als ich meine Elternzeit, aus verschiedenen Gründen,  von 2 auf 3 Jahre verlängerte war mir natürlich nicht bewusst, wie wichtig genau diese Entscheidung mal werden würde, denn wäre ich jetzt nicht in meinem letzten Jahr Elternzeit, dann wäre der Spagat zwischen Erwerbsarbeit und Carearbeit noch um einiges größer und verzweifelnder als er sowieso schon ist.

So aber bin ich ja zum Glück als Mutter sowieso zu Hause und hab nix zu tun. Das ist natürlich überspitzt obwohl eigentlich denken viele viele Menschen in unserem Land tatsächlich genau das. Eine Mutter, die zu Hause unentgeltlich arbeitet, arbeitet nicht sondern hat Dauerurlaub. Das dem nicht so ist, muss ich niemandem beweisen und soll heute auch gar nicht zur Diskussion stehen.

Das aber nun eine weltweite Pandemie dafür sorgt, dass Familien ihre Kinder selbst beschulen und komplett selbst betreuen müssen aber zusätzlich weiter ihrer Erwerbstätigkeit nachgehen sollen, damit hat niemand gerechnet. Ich mache auch niemandem den Vorwurf von jetzt auf gleich Konzepte zu erarbeiten, dass wirklich jede Berufsgruppe und jeder Mensch in dieser Ausnahmesituation berücksichtigt wird ABER wir befinden uns in Woche 9 dieses Ausnahmezustandes und bis zum heutigen Tag, sind Familien in diesem ganzen Prozedere völlig unsichtbar.

Neben der Unsichtbarkeit gelten unsere Kinder obendrein noch als Staatsfeind Nr. 1, denn Sie haben bis zum heutigen Tage die meisten Einschränkungen zu verarbeiten. Geschlossene Kindertageseinrichtungen, Schulen, Schwimmbäder oder bis vor wenigen Tagen Spielplätze, Zoos und viele andere Freizeitorte. Aber nicht nur das, es gibt tatsächlich Lebensmittelgeschäfte, Baumärkte und andere Einrichtungen, die Kindern den Zutritt verwehren.

Was wir Familien in den letzten 8-10 Wochen erleben ist einem Tritt in den Allerwertesten gleichzusetzen. Es fühlt sich so an, als ob wir diesen Virus entwickelt hätten und an jeden weitergeben der uns anschaut. Unsere Kinder werden wie Aussätzige behandelt und wir Eltern jonglieren seit Wochen gefühlt 1000kg mehr auf unseren Schultern und haben die Balance völlig verloren.

Jetzt gibt es natürlich die Menschen, die uns als meckernde, undankbare und vor Allem nicht belastbare Jammerlappen bezeichnen, weil wir es wagen uns öffentlich dazu zu äussern. Wir Eltern und Familien werden seit Jahrzehnten vergessen.

Wir werden ausgenommen wie Weihnachtsgänse und diese Pandemie ist nun die endgültige Spitze des Eisberges.

Karin Hartmann, Rona Duwe von Phönix Frauen und Sonja von Mama Notes haben die Protestaktion #CoronaElternrechnenab ins Leben gerufen.

Sonja sagt :

„Carearbeit ist immer, nicht nur in Krisenzeiten, ein wesentlicher Teil, der mit zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt. Der wird auch üblicherweise unter den Tisch gekehrt. Dass Frauen Angehörige und Kinder unentgeldlich versorgen, darauf fußt unser Wirtschaftssystem. Carearbeit ist eine systemrelevante Leistung, immer, nicht nur in Zeiten von Corona. Würden Frauen diese Arbeit nicht leisten, müssten es andere tun. Aber wer? Und zu welchem Preis? Carearbeit darf nicht kostenlos bleiben. In Zeiten einer Gesundheitskrise und gleichzeitigen Bewältigung von Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung wird dieses Missverhältnis besonders deutlich.“

Carearbeit, Mental Load oder auch Burnout sind Begriffe die seit Jahren versuchen Fuss zu fassen. Bis heute passiert gefühlt nichts und das ich als Mutter jetzt ohne gefragt zu werden, mein Kind beschulen muss obwohl unser Land einen Bildungsauftrag- und Erziehungsauftrag hat. Unser Land ist in der Pflicht unsere Kinder zu beschulen und unsere Kinder unterliegen der Schulpflicht.

Der Staat verweigert seine Pflichten aber unsere Kinder und wir können bestraft werden, wenn wir der Schulpflicht nicht nachkommen. Jahrelang haben Familien Homeschooling und andere individuelle Bildungsformen gefordert aber in Deutschland ist dies verboten. Ist das nicht verrückt, dass es nun für uns Familien zur Pflicht deklariert wurde?

In diesem Ausnahmezustand ist urplötzlich alles möglich und ich bin die Letzte, die für die Öffnung von Schulen und Kitas ist, denn die Gesundheit aller Menschen geht vor aber unser System kann das nicht auf unsere Schultern abladen ohne uns zu Wort kommen zu lassen. Und nicht nur das,  wir beschulen nicht nur unser Kind, wir machen auch noch alles andere nebenbei. Mein Mann ist systemrelevant, er arbeitet mehr denn je, im Homeoffice mit 2 Kindern zu Hause. Einem Kleinkind und einem Schulkind. Wir alle müssen diese Situation irgendwie hinbekommen aber es kann nicht sein, dass wir das alles „kostenfrei“ machen und obendrein psychisch und auch physisch an Grenzen kommen, die es vorher nie gab.

Es kann vor Allem nicht sein, dass es unser Land für wichtiger erachtet Millionen von Euros als Staatshilfe für die Lufthansa oder in die Automobilbranche investiert aber Millionen Familien, die alle systemrelevant sind komplett im Stich lässt.

Ein Pilot der Lufthansa bekommt einen Lohnausgleich von 90%, den wir Steuerzahler ja durch die Staatshilfen mitfinanzieren, aber wir Eltern und vor allem Mütter beschulen mal nebenbei und völlig unentgeltlich unsere Kinder und wenn wir dadurch unserer Erwerbsarbeit nicht mehr nachgehen können, müssen wir eben unentgeltlich Urlaub nehmen,Minusstunden aufbauen, unseren Job kündigen, nachts arbeiten  oder als Selbständige den Staat um Hilfe bitten und im Höchstfall nicht mal annähernd einen gerechtfertigten Lohn erhalten.

Ja auch ein Pilot ist vllt. Vater oder eine Pilotin ist Mutter und natürlich soll der Lohnausgleich erfolgen aber dann doch für alle oder nicht?

Jetzt ist in den letzten Wochen auch noch die Gewaltrate in Familien angestiegen und diese und weitere Faktoren haben dann doch mal dazu gereicht Entscheidungen zu treffen. Diese Entscheidungen erreichen uns Familien gerade deutschlandweit. Jedes Bundesland hat einen „Fahrplan“ wann die Schulen und auch Kitas wieder „öffnen“. Öffnen ist aber eigentlich das falsche Wort, denn wenn ich Glück habe , darf mein Schulkind noch 2 Wochen in diesem Schuljahr die Schule betreten und das zu unzumutbaren Zuständen. Mein Kitakind, das gerade vollständig eingewöhnt war, wird wohl die Kita noch viele viele Monate nur von Aussen betrachten.

Ich mache keiner Schule und keiner Kita irgendeinen Vorwurf aber ich mache unserem Staat einen Vorwurf. Ausnahmezustand hin oder her, Restaurants, Frisöre, Fahrschulen und andere weitere Wirtschaftszweige, die wichtig sind, werden hochgefahren aber die Menschen die da arbeiten, könnten eventuell Kinder haben und eventuell können diese Kinder nicht mit zur Arbeit kommen und eventuell haben viele Politiker versäumt darüber mal nachzudenken.

Eventuell fühlen wir Familien uns mehr als verarscht und eventuell fühlen sich unsere Kinder auch mehr denn je als unerwünscht in diesem Land.

Wisst ihr, ich habe großes Glück, dass ich noch Elternzeit habe und mein Mann voll und ganz weiterarbeiten kann, weil ich die komplette Carearbeit plus Beschulung etc. übernehme aber auch ich habe finanzielle Einbußen und das nicht nur jetzt aktuell sondern wohl auch zukünftig, denn ich kann ja eventuell auch nach meiner Elternzeit nicht wieder arbeiten gehen. Wir alle wissen ja nicht, wie lange diese Zustände bleiben. Wenn mein Kind 2 Stunden pro Tag ausser Haus beschult wird, bin ich schon 30Minuten damit beschäftigt ihn zu bringen und abzuholen.

Ja ich weiss, ich bin privilegiert und wir sind finanziell nicht bedroht von der Situation aber viele andere schon. Wir haben Familien in unserem Umfeld , deren Existenz bedroht ist oder aber in der Pflege arbeiten und ihre Kinder in fremde Kitas zur Notbetreuung geben müssen, da Sie ja unverzichtbar sind und sich halb zu Tode arbeiten. Wir haben Familien im Umfeld, die komplett im Homeoffice arbeiten müssen und nebenbei Kinder in unterschiedlichen Jahrgangsstufen beschulen müssen.

Dieser Zustand ist nicht mehr tragbar. Wir machen das jetzt alle seit über 2 Monaten und jede Familie geht anders damit um. Die einen leiden still oder vielleicht sogar gar nicht. Die anderen zerbrechen an dieser Situation, weil die finanziellen oder emotionalen Sorgen kein Ende mehr nehmen. Wieder andere werden laut und zeigen für uns alle öffentlich, was man tun kann.

Das ist auch die Sache, wir müssen und können nicht alle laut sein aber wir können die, die es für uns tun, unterstützen und uns nicht darüber aufregen, denn irgendwann werden sonst auch die Wenigen, die noch etwas Energie in das Sichtbar machen von Familien und deren Belangen stecken, mucksmäuschenstill werden und was ist dann?

Also kann ich nur dazu aufrufen, die Aktion #Coronaelternrechnenab zu unterstützen. Andrea von Familie.de hat auch ein ausführlichen Artikel dazu veröffentlicht. Rechnet euch aus, was eure Carearbeit plus Erwerbsarbeit eigentlich wert ist. Schreibt einen Tweet oder einen Kommentar. Schreibt selber einen Beitrag oder sogar eine Rechnung an euer Kultusministerium oder sogar an die Bundesregierung. Ihr müsst gar nichts von Alledem aber aufmerksam machen auf etwas, das euch auch betrifft oder mal betreffen könnte, ist etwas, dass in einer Demokratie selbstverständlich sein könnte.

Ich sage Danke an alle, die auch für mich und meine Familie kämpfen und diesen Zustand nicht mehr hinnehmen wollen und entschuldigt mich jetzt, ich fange jetzt an die Arbeitsblätter für morgen zu sortieren, die Wäsche zu machen, E-Mails zu bearbeiten, mit Eltern aus der Schule darüber zu sprechen, wer an digitalen Angeboten teilnehmen kann und mich mal ein paar Minuten mit meinem Mann zu unterhalten und einfach auf der Couch zu liegen.

Jammern auf hohem Niveau eben!

Eure Glucke

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