Ich und So

Was bleibt, ist die Trauer

27. Februar 2017

Trauer-bleibtVor vielen vielen Jahren verlor ich meine kleine Schwester und hatte nur eine kleine Ahnung davon, was Trauer bedeutet. Ich war einfach zu jung. Ich schützte mich indem ich mit ihr im Himmel sprach. Jedes Jahr wurde die Trauer mehr und die Gespräche weniger.

Die Trauer übermannte mich und die Erinnerung verblasste.

Die Trauer blieb übrig.

Wir einige von euch wissen, heiratete ich sehr jung und mein Ex-Mann hatte 2 Brüder. Der kleinste von Dreien war noch ein Kind als wir uns kennenlernten. Das war 2002. Er war für mich wie ein 2. kleiner Bruder. Als mein Ex-Mann und ich uns trennten, blieben wir in Kontakt. Also der kleinste Bruder und ich. Nur sporadisch, nur per SMS oder Facebook aber wir behielten uns irgendwie ein wenig im Auge. Das schöne daran war, dass auch seine damalige Freundin und ich bis heute in Kontakt sind. Sie ist Mama und wir schreiben uns ab und zu.

Letztes Jahr am 31.01.2016- ich werde den Tag nie vergessen. Da starb der kleinste der 3 Brüder. Er starb mit 27 Jahren. Die Nachricht versetzte mich sofort in eine Starre. Ich weinte und verkrampfte und konnte einfach nicht mehr aufhören. Ich verkrampfte so sehr, dass ich sogar noch an dem Abend in die Notaufnahme musste.

Die Umstände seines Todes ließen alte Wunden wieder aufreißen. Der Tod meiner Schwester war wieder so real. Er war erneut vor meinen Augen.

Alles was blieb, war die Trauer. Die Fassungslosigkeit. Er war so jung. Er hatte doch noch alles vor sich.

Wenn man sich nicht verabschieden kann und irgendwie auch nicht abschließen kann, dann ist die Trauer die bleibt, nicht immer hilfreich. Sie legt sich wie ein dunkler Mantel über einen und droht mich zu ersticken.

Meine Welt gerät immer wieder aus den Fugen obwohl man doch denkt, man gewöhnt sich an den Gedanken. Man lebt weiter. Man lacht, liebt, spürt Freude und Zufriedenheit.

Dann kommt wieder ein Tag, eine Situation, eine Nachricht vom Tod eines Menschen, eines Kindes oder gar eines geliebten Haustieres. Erwischt es mich in einer sentimentalen Verfassung, kann es passieren dass ich mich wieder völlig in der Trauer verliere.

Ich bin ein Mensch der spricht. Ich muss es irgendwie, irgend jemandem erzählen aber das ist nicht wirklich ein Kaffeeklatschthema. Es ist nichts was man zwischen Tür und Angel oder einen 5minütigen Pause erzählt. Es ist viel zu bedeutend um es im gleichen Atemzug mit einem Einkaufszettel zu erwähnen.

Die Menschen haben unglaubliche Schwierigkeiten über den Tod und die Trauer zu sprechen.

Ich kann es verstehen. Ich spüre diese Trauer so oft und diese Gefühle sind so intensiv, dass man denkt man schafft es nie wieder daraus.

Es ist wichtig zu leben, zu lieben und Freude zu spüren. Es ist wichtig das Leben zu feiern. Wird irgendwo ein neues Baby geboren, dann geht mein Herz auf. Ein Wunder geschieht und ich sauge es auf.

Ja der Tod gehört zum Leben. Wie könnte ich das je vergessen. Er beendet das Leben. Er fragt nicht ob man schon bereit dazu war. Er kommt manchmal schleichend, manchmal rasant aber eben immer mit voller Wucht.

Darauf kann man sich nicht vorbereiten.

Man kann es nicht einfach cool an einem vorübergehen lassen. Ich kann nicht auf Beerdigungen gehen. Ich war bis heute auf keiner, obwohl ich schon so viele Menschen verloren habe aber ich weiss genau, würde ich wieder auf einen Friedhof gehen müssen, dann würde ich zusammenbrechen.

Zu traumatisch sind die Erinnerungen an das Grab meiner Schwester, an die Daten, die auf Grabsteinen stehen. Wenn man innerhalb von Sekunden ausrechnet wie jung der Mensch nur geworden ist.

Diese Gefühle sind zu viel für mich. Ich trauere in meinem Herzen überall.

Es ist wichtig zu trauern-so extrem es ist-denn ich verarbeite auch. Ich erinnere mich auch an Schönes, auch wenn es sehr wenig ist. Ich hole es mir manchmal einfach zurück. So versucht man noch am Leben festzuhalten und dem Tod nicht die vollkommene Macht zu geben.

Silke von in lauter Trauer spricht darüber. Über den Tod, über ihre Trauer. Auch Sie musste ganz plötzlich ihren Liebsten gehen lassen.

Heute hätte ihr Liebster Julian Geburtstag. Er wäre 33 geworden und genau heute gehen an vielen vielen Orten, auf vielen Blogs Texte über die Trauer online. Das ist Silkes Geschenk und ich bewundere ihre Kraft und ihren Mut, so öffentlich der Trauer einen wichtigen Platz zu geben.

Lieber Julian, herzlichen Glückwunsch und Grüße an meine Schwester, meinen Ex-Schwiegervater, Ex-Schwager, beide Schwiegeromas, meine Oma und viele weitere Freunde die nun mit Dir im Himmel feiern.

Liebe Silke, ich wünsche Dir für heute eine extra Portion Kraft, denn diese vielen Texte sind ja auch „belastend“ für Trauernde. Ich umarme Dich virtuell und danke Dir, auch meiner Trauer wieder einen kleinen Platz gegeben zu haben.

Sprecht ihr über eure Trauer?

Ich habe immer ein offenes Ohr-für jeden.

Eure Glucke

 

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4 Comments

  • Reply Mit Kindern gemeinsam trauern-Buchrezension ~ Glucke und So 21. April 2017 at 8:02

    […] bin froh, das ich mit meiner eigenen fast nicht vorhandenen Trauer konfrontiert wurde. Ich fühle mich gut aufgehoben mit diesem Buch. Es ist ein einfühlsamer […]

  • Reply Ich bin ein Gefühle-Sauger ~ Glucke und So 1. März 2017 at 7:57

    […] Morgens ging mein Beitrag über #inlauterTrauer online und ich vergoss einige Tränen deswegen. Mir gehen solche Themen sehr nahe. Im Büro war auch einiges zu tun. Der Frust einiger Menschen, wurde bei mir abgeladen und ich merkte, dass es mich müde macht. […]

  • Reply Dani 27. Februar 2017 at 20:38

    Oh liebe Dani,
    Mir fällt es auch schwer drüber zu sprechen. Aber ich muss auch sagen, dass ich eine so nahe Bezugsperson von mir noch nicht gehen lassen musste. Ich weiß im Grunde gar nicht, wie sich das anfühlt, wenn jemand so wichtiges aus der Mitte des Lebens weggerissen wird.
    Und ich glaube, dass das der Grund ist, warum ich auch immer nicht weiß, was ich sagen soll, wenn mir jemand sowas erzählt. Mich überfordert es einfach manchmal selbst, weil ich nunmal nicht weiß, was er/ sie da gerade durchmacht…

    Lieben Gruß,
    Hanna von familiert.de

    • Reply Glucke 27. Februar 2017 at 20:59

      Ich weiss, ich stelle es mir unglaublich schlimm vor, diese Bürde des Zuhörens zu spüren. Ich kenne ja den Verlust aber mein Gegenüber ist ganz überfordert damit. Zuhören ist oft schon eine unglaubliche Hilfe-da man dann nicht alleine mit seinen Gefühlen ist.
      Und es ist gut für jeden, diesen Verlust nicht spüren zu müssen. Ich wünsche es niemanden und ich wünsche mir sehr sehr oft, dass ich all das hätte nie erleben müssen, weil ich ja dann auch ganz anders wäre.
      Ich freue mich sehr, dass Du mich hier besucht hast
      VG
      Dani

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