Montagspost

„Die Bezeichnung „Krüppel“ fiel häufig“

1. Mai 2017

Montagspost-Krüppel-DysphonieGuten Morgen ihr Lieben,

Es ist Montag und wir alle haben frei. Der Wahnsinn oder? Ich mag verlängerte Wochenenden ja total und wenn man mir in den sozialen Netzwerken folgt, könnte man meinen wir essen den ganzen Tag und soll ich euch was sagen, irgendwie stimmt das auch hehe. Heute ist es endlich mal wieder an der Zeit für die Montagspost. Diese Montagspost ist eine sehr emotionale für mich. Als Roman mich anschrieb ob Sie dabei sein kann, legte ich los und recherchierte. Ich war sofort gebannt von ihrem Tumblr und ihrem Leben. Sie hat wirklich einiges erlebt und ich freue mich, dass Sie nun mit ihrem Blog meine Gästin ist.

Liebe Roxan, stell Dich doch bitte kurz vor?

zu mir: Ich bin 24, Masterstudentin und Mama einer kleinen Tochter (8Monate) und einem kleinen Krümel im Bauch, der im November zur Welt kommen wird. Auf Twitter und Instagram kann man meinem Account mit dem Namen @Cookikruemel folgen oder alternativ auf meinem Blog Fräulein Krümel vorbeischauen.

Deine Reise in diesem Internet startete November 2011 auf Tumblr mit „Wenn alles zuviel wird“

Als ich 2011 den inzwischen stillgelegten Tumblr eröffnete, suchte ich einen Weg öffentlich Tagebuch zu schreiben, vielleicht als stiller Protest und aus Verzweiflung über meine damalige Situation.

 

„Ich werde gegrüßt mit den Worten “HEY KRÜPPEL!!!” Was war denn da los und wie sehr beeinträchtigt Dich deine seelische Verfassung?

In einem der ersten Beiträge schreibe ich von meinem Krüppeldasein, meiner Dysphonie. Über ein 1 Jahr war ich ohne funktionierende Stimme, machte Abi und kämpfte mich durch die Wirrungen des Alltags. Meine Mitschüler waren keine große Unterstützung, nur wenige Freunde wissen, wie es mir in der Zeit wirklich ging. Diese Freundschaften sind mittlerweile zerbrochen, wahrscheinlich war es eine zu große Belastung für alle. Die Bezeichnung „Krüppel“ fiel häufig, mal im Scherz, mal im Ernst weil betreffende Personen genervt vom Stillstand waren. „Wenn du mal Kinder hast, dann haben die bestimmt auch keine Stimme“ war eine der Aussagen, die bis heute unfassbar schmerzen. Meine Eltern und ich haben viele Strohhalme gesucht und ergriffen, in der Hoffnung, dass meine Stimme möglichst schnell wieder fit ist, leider vergeblich. Psychotherapie, Sprachtherapie, HNO Arztbesuche, Entspannungsübungen, Chinesische Quantum Medizin…

Nach 426 Tagen verschluckte ich mich auf einer Bahnfahrt zufällig an einem Hustenbonbon und meine Stimme war einfach so wieder da. Als wäre nie etwas gewesen.

Das Ganze klingt, als hätte ich das nur geträumt, absolut unrealistisch. Ist es leider aber nicht. In der Zeit rund um mein Abitur bin ich an einem meiner Tiefpunkte gewesen, dessen Ursprung ich nicht verschuldet habe. Wahrscheinlichster Grund für die psychogene Dysphonie war eine Retraumatisierung die mit einer Nierenbeckenentzündung einherging.

Du bist bei einer Pflegefamilie groß geworden. Möchtest Du ein wenig erzählen, wie das für Dich war?

Mit 18 Monaten bin ich vom Jugendamt auf Grund schwerster körperlicher Misshandlungen aus meiner Herkunftsfamilie herausgenommen worden und mit 21 Monaten zu meinen Pflegeeltern gekommen. Meine Pflegeeltern sind zu meinen Eltern geworden, sie sind Mama und Papa und für meine kleine Tochter Oma und Opa. Wir sind eine Familie, auch wenn ich nie adoptiert worden bin. Ich darf ihren Nachnamen tragen und kann jederzeit auf ihre Unterstützung setzen. Mit 18 hat unser Pflegeverhältnis nicht geendet, es hat einfach so weiter Bestand.

Rechtlich gesehen bist du seit deiner Volljährigkeit ein Niemandskind- Was bedeutet das und gibt es dazu schon Gesetzesentwürfe um das zu ändern?

In der Zeit rund um meinen 18. Geburtstag sorgte die Volljährigkeit und die Angst vor dem Status des „Niemandskind“ für große Sorgen, absurde Gedankenspiele und viele Auseinandersetzungen. Wenn ich für den Careleaver e.V., einem in Deutschland einmaligen Verein, bestehend aus jungen Erwachsenen, die stationäre Jugendhilfeerfahrung haben, als Referentin auf Fachtagungen der Jugendhilfe bin oder Fortbildungen leite, dann nutze ich den Begriff des „Niemandskind“ sehr gern, weil er eindrücklich zeigt, wie die Gefühlslage junger Erwachsener sein kann. Nicht zu wissen, wie es nach einem Stichdatum weitergeht, weil ein Lebensabschnitt endet, Unterstützung von heute auf morgen fehlt, das ist unfassbar und macht große Angst. Diese Angst zu transportieren und Veränderungen im Gesetz anzustoßen ist Teil meines aktuellen #businesskruemeln .
Das neue KJSG sollte Veränderungen beinhalten, scheint aber eine Farce zu werden. Schade um die vielen Mühen, die von so vielen investiert wurden.roxan-Familie-montagspost

Hast Du noch Kontakt zu deinen Erzeugern und gibt es Tipps von Dir für andere Pflegefamilien?

Ich habe keinen Kontakt mehr zu meinen leiblichen Eltern, zumal sie einen Lebensentwurf haben, den ich nicht vertreten kann. Vergangenes Jahr habe ich durch eine Rechtsanwältin klären lassen, welchen Anspruch ich nach dem Opferentschädigungsgesetz habe und ja, mir ging es auch um die Höhe der Summe. Ein Einklagen kommt zum jetzigen Zeitpunkt für mich nicht in Frage, der Schutz meiner eigenen kleinen Familie steht an allererster Stelle. Ich weiß nicht, was es mit mir und uns macht, wenn plötzlich so viel Schlechtes wieder Raum bekommt und Erinnerungen geweckt werden. Es ist auch irgendwie ungerecht meinen (Pflege-)Eltern gegenüber, die all die Jahre für Normalität gekämpft haben.

Du hast dein Abitur gemacht und studiert. Wie soll die Zukunft weitergehen?

Aktuell bin ich Studentin an der Uni Köln und studiere dort im Master Rehabilitationswissenschaften. Im Bachelor habe ich noch Lehramt für sonderpädagogische Förderung studiert, musste dann aber feststellen, dass ich nicht wirklich glücklich im Schulwesen werden würde.

Der Teil der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen ist zwar geblieben aber es wird keine Rückkehr zur Schule geben.

Im letzten Sommersemester kam meine kleine Tochter zur Welt, die mein Studentenleben ordentlich durcheinander gewirbelt hat. Zwar war ich nie ein Partygänger oder ähnliches aber es war auf so vielen Ebenen ein Neuanfang, dass ich erst jetzt begreife, welchen Ausmaß es hat. Das ist überhaupt nicht negativ gemeint, ganz im Gegenteil. Ich hatte schon immer den Wunsch nach einer eigenen kleinen Familie aber dass er so schnell in Erfüllung gehen würde, hat meinen Freund und mich dann doch überrascht.

Jetzt ist Olivia bereits 8 Monate alt und ich erwarte im November unser zweites Kind, das sich genauso überraschend auf den Weg zu uns gemacht hat. Das Leben ist wirklich eine Wundertüte.

Aber ich freue mich und hoffe, dass ich meinen Kindern eine schöne Kindheit geben kann. Sie begleiten kann, ihnen zeigen kann was wichtig ist und sie so stark mache, dass sie ihren eigenen Weg mutig gehen. Ich möchte ihnen ein Vorbild sein und dazu gehört wahrscheinlich auch, ihnen von meiner Vergangenheit zu erzählen. Dass aus etwas Schlechtem noch so etwas Gutes werden kann, bestärkt sie hoffentlich auf ihrem eigenen Weg. Mit meinem Freund haben die beiden einen liebevollen Papa, der für sie sorgt und uns ein Zuhause gibt.
Wie empfindest du derzeitig die Bloggerwelt bzw. hast Du überhaupt genug Zeit dafür alles zu lesen was dich interessiert?

Ich lese sehr gern verschiedene Blogs von Mamas und Papas, die alle von ihrer kleinen Welt erzählen, so verschieden, so bunt und mitten aus dem Leben. Vor kurzem bin ich auf den Blog zweier Papas aufmerksam geworden, die zusammen ein Pflegekind aufgenommen haben. Bei Instagram kann man der kleinen Familie mit dem Namen papa.papa.kind folgen und sie berichten auf bei newdadsontheblog.de
Neben den vielen Mummyblogs ist das eine willkommene Abwechslung auch weil nicht so viel Werbung gemacht wird, um die Klickzahlen hochzujagen.

Liebe Roxan, vielen Dank für deine Offenheit, deine Informationen und deinen Mut. Ich wünsche Dir und deiner kleinen Familie alles Liebe und freue mich, weiter von Dir zu lesen. Danke auch für den Tipp mit Papa Papa Kind, ein wirklich saucooler Account.

Habt ihr von Dysphonie schon einmal gehört? Lebt ihr selber vielleicht auch in einer Pflegefamilie und habt Lust darüber zu berichten?

Meldet euch sehr gerne bei mir.

Habt einen tollen freien Tag und wir lesen uns die Tage wieder.

Eure Glucke

 

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