Montagspost

Herr Bock-Depressionist und eine starke Stimme

14. November 2016

montagspost-verbockt-depressionistGuten Morgen meine Lieben,

es ist Montag, mein Urlaub ist offiziell vorbei und der Alltag hat mich zu 1000% wieder. Vor einigen Monaten ging es mir sehr sehr schlecht. Ich hatte das erste Mal dunkle Gedanken, die ich nie vorher hatte und das beschäftigte mich tagelang. Klar jeder Monat hält diese dunklen Tage für mich bereit aber irgendwie schaffe ich es immer wieder raus.

Da war es anders und es gab jemanden, der mir da durch half. Dieser Jemand ist heute mein Gast. Wie ihr alle sicher bemerkt habt, schreibe ich viel viel öfter über die Depression und alles was dazu gehört. Das hat auch einen Grund.

Ich nehme mich und diese schlimmen Gedanken mehr an und vor allem schäme ich mich nicht dafür.

Es gibt viele ganz fantastische Menschen die ich auf irgendeine Art & Weise kennenlernen darf und Markus, Herr Bock gehört zu diesen Menschen.

Ich lernte ihn bei Twitter kennen und seine Geschichte berührt nicht nur mich und das einzigartige an ihm ist, dass er seine Geschichte, seine Gefühle und sein Leben nutzt um zu helfen aber lernt ihn selber ein wenig kennen.

Lieber Markus, was hat Dich dazu bewogen über deine Depression(en) öffentlich zu schreiben?

Als ich mich vor 3 1/2 Jahren entschieden habe, einen Blog über mich zu schreiben, wollte ich eigentlich all das loswerden, was in meinem Kopf los ist. Die Gedanken haben mich aufgefressen. Ich war gerade aus der Tagesklinik wieder zu Hause und bin trotzdem nicht richtig zurechtgekommen. ava-herr-bock

Ich wollte, dass alle in meinem Umfeld mitbekommen können, wie es mir geht, was bei mir passiert und welche Wege ich gehe.

Die andere Seite war, dass ich mich überprüfbar mache. Ich stelle mich mir selbst und belüge mich nicht mehr. Ich gebe mir nicht mehr die Chance, mir eine Scheinwelt zu konstruieren und anderen eine heile Welt vorzulügen. Das ist auch heute
noch der Hauptgrund. Immer wieder die Beiträge lesen, Erfolge und Rückschritte sehen, reflektieren. Es ist ein Stück Therapie für mich. Klar, es war auch der Gedanke, dass ich anderen Betroffenen einen kleinen Halt
geben kann und sie sich nicht allein fühlen müssen. Vorrangig geht und ging es aber um mich.

Deine Familie und deren Problematik waren der Hauptauslöser deiner Erkrankung. Würdest Du mir zustimmen, wenn ich sage, dass es sehr viel weniger psychische Erkrankungen geben würde, wäre das Elternhaus unserer Generation „aufgeklärter“ gewesen?
Ich denke nicht. Die Erkrankung und die Häufigkeit ist ja keine Modeerscheinung. Heute taucht es nur öfter auf, weil wir die Macht des Internets und die Medien zur Verbreitung nutzen können. Die Aufklärung muss
über alle Generationen erfolgen.

Du wirst auch in allen Generationen Menschen finden, die das absolut nicht nachvollziehen können. Meine Oma akzeptiert, respektiert und interessiert sich dafür. Sie kennt meinen Weg und findet es gut.

Meine Eltern können mit Depressionen nichts anfangen. Auch nicht, wenn ich ehrlich über Gefühle und Empfindungen aus der Kindheit spreche.

Sie werten als Angriff und Kritik. Das macht es eben heute noch sehr schwierig, überhaupt ein Gespräch zu finden. Wir sind die Kinder unserer Eltern. Sie geben uns in den frühen Phasen etwas mit, wir kopieren und adaptieren in den ersten Jahren. Später – wenn wir unter Suchtverhalten oder Mangel leiden müssen – wird die Festplatte eben falsch aufgespielt. Und wir müssen damit irgendwie klarkommen.

Die einen bekommen die Kurve, die anderen nicht so. Die einen suchen heute noch nach allem und zerbrechen dran, die anderen sind daraus stark geworden. Letztlich geben Eltern ja eigentlich immer das Beste, was sie können. Sie machen Fehler. Große und Kleine. Sie müssen nur am Ende ehrlich zu sich selbst sein und die Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen. Kurzum: Nein, ich denke nicht, dass es weniger geben würde.

Dazu gibt es noch viel mehr Auslöser für psychische Erkrankungen, die nicht immer aufs Elternhaus zurückzuführen sind. Die Aufklärung kann aber helfen, die eigenen Kinder und andere Menschen ernst zu nehmen.

Du bist Ehemann, Familienvater und voll berufstätig, wie schaffst Du es,
deine Dämonen im Zaum zu halten?
*lach* Ich bin Mann und Partner, aber noch nicht Ehemann. Auch wenn ich gerne von meiner „Frau“ rede. Wir leben es auf jeden Fall so aus. Es ist Arbeit. Manchmal sogar harte Arbeit. Ich habe mir über die Jahre
viele Techniken angeeignet, damit ich in schlechten Situationen reagieren kann. Es gibt ein schöne Technik, seine Gedanken auf Wahrheit zu überprüfen. Das hilft in den meisten Fällen sehr gut. Akzeptieren bzw. radikale Akzeptanz der Dinge, die ich nicht ändern kann. Vor allem die schlechten Tage.

Wenn es gar nicht geht, muss ich den Tag eben so annehmen. Meine Tagesstruktur ist ein großer Anker für mich. Ich konnte lange Zeit nicht arbeiten, weil ich einfach nicht hoch gekommen bin. Oder es nicht vor die Tür geschafft habe.

Heute genieße ich die Struktur. Klingt banal, oder? Ist es auch. Aufstehen, arbeiten gehen, nach Hause kommen und am Monatsende den verdienten Lohn auf dem Konto zu sehen.

Mir hilft meine Hilde. Hilde ist mein Fahrrad. Ich mag es, mich körperlich zu verausgaben, wenn durch die Gedanken der Körper angespannt ist. Imaginationsübungen, Gespräche und vor allem das Schreiben im Blog und Twitter. Mittlerweile auch das Reden.
Wichtig ist, das ich an schlechten Tagen immer nochmal gucke, was gut war. Es gibt immer etwas Gutes am Tag, sei es noch so klein. Es kostet Überwindung, aber es hilft. Und wieder das Schreiben. Aufschreiben, was gut
war. Notizen machen. Ich halte es im Griff, weil ich mit mir kommuniziere. Ich achte darauf, mir auch etwas Gutes zu tun, für mich zu sorgen – auch wenn es nicht immer klappt.

Sehr oft wird gesagt „Depressionen, Burn Out und andere psychische Erkrankungen sind eine Erfindung der Pharmaindustrie und der faulen Menschen. Wie begegnest Du solchen Vorurteilen?

Ehrlich?

Gerade bei den Vorurteilen muss ich lächeln.

Es ist der größte Humbug, den ich mir vorstellen kann. Solche Aussagen sind einfach dumm. Denken wir doch mal logisch: Wenn ich depressiv bin, gehe ich im Normalfall nicht sofort zum Arzt. Viele halten die Situation erstmal aus. Dauert der Zustand über längeren Zeitraum an, gehe ich zum Hausarzt. Der schickt mich in der Regel zu einem Therapeuten oder Klinik. Da habe ich Wartezeiten. (Ich habe bis jetzt noch nicht das Wort Tabletten benutzt.) Ein vernünftiger Hausarzt verschreibt für den Übergang vielleicht ein leichtes Antidepressiva. Der Rest sollte aus der therapeutischen Behandlung passieren. Dazu auch ein Check der Blutwerte, Schilddrüse usw. … nein, hier hört es dann auch mit der Logik auf.

Wo soll da eine Erfindung sein? Übrigens ist dazu mein Lieblingssatz: Als depressiver Mensch kannst du alles, nur nicht einfach so. Und schon gar nicht immer. Und manchmal gar nicht.

Sicher mag es „schwarze Schafe“ geben, die diese Klischees erfüllen, aber es ist wahrlich nicht so, dass kranke Menschen etwas aus Faulheit nicht tun. Sie können es schlichtweg nicht.

Wie würdest Du für einen Laien überhaupt die Depression beschreiben?

Depressionen lähmen dich. Es ist als wenn du einen Rollstuhlfahrer bittest, eben mal die Treppe hochzugehen. Es geht nicht. Depressionen nehmen deinen kompletten Tagesablauf in Beschlag. Entweder bist du den ganzen Tag mit Denken beschäftigt, wie schlecht alles ist, wie schlecht du selbst bist, wie schlecht alles andere ist, zweifelst an allem, siehst keinen Sinn mehr in Dingen und Unternehmungen und steigst dann voll in den Kreislauf ein.

Wenn du nicht denkst, bist du müde vom Denken. Und denkst du wieder. Oder du bist müde.

Du möchtest gerne etwas machen, aber es geht nicht. Es geht einfach nicht. Viele liegen dann einfach den ganzen Tag im Bett und kommen zu nichts mehr. Die komplette Tagesstruktur ist hinüber. Kein Haushalt mehr. Und oft ist es sogar so schlimm, dass sie es nicht mehr schaffen, sich um ihre Körperhygiene zu kümmern.

Depressionen fressen dich auf. Stück für Stück. Sie nehmen die jeglichen Spaß und fesseln dich.

Manche leiden so sehr unter diesen Gedanken, dass sie die Erlösung im Suizid suchen. Ja, Depressionen enden viel zu oft also auch tödlich. Ich weiß, für Laien ist es schwer nachzuvollziehen. Ich denke, dass sollten Betroffene auch nicht verlangen. Auch nicht Verständnis, das kommt von verstehen. Nur, wie soll ich etwas verstehen, was ich nicht nachvollziehen kann? Wir sollten da eher für mehr Respekt und Empathie werben.header-verbockt-montagspost

Was fehlt deiner Meinung nach in unserer Gesellschaft um psychischen Erkrankungen vorzubeugen oder Sie besser aufzufangen?

Vorbeugen wird schwer. Dazu musst du vorher schon die Auslöser kennen. Wir können aber einen tiefen Fall abmildern, wenn Angehörige einfach mehr Respekt haben. Und für Betroffene da sind. Es gibt nichts Schlimmeres, als sich nicht ernst genommen zu fühlen – egal wie schräg die Gedanken sind. Auffangen wird einfacher, dazu muss sich aber das Gesundheitssystem ändern.

Die Wartezeiten für Therapieplätze muss kürzer werden, Heilpraktiker sollten nicht mehr länger nur als Eigenleistung gehen, sondern anerkannt werden.

Es braucht oft auch eine bessere Diagnostik. Viele bekommen einfach nur eine Diagnose um die Ohren gehauen, Tabletten in die Hand und gut. Das ist nicht der Weg, den wir brauchen. Und sonst? Empathie, Empathie, Empathie!

Du schreibst ein Buch und gibst Lesungen über Dich und deinen Weg mit der
Depression. Gehört das zu deinem Heilungsprozess?
Ich glaube, Heilzungsprozess ist das falsche Wort. Die depressiven Episoden und Gedanken werden mich wohl mein Leben lang begleiten. Ich lerne mit ihnen umzugehen und zu leben. Ja, es ist Teil davon. Mittlerweile sogar ein sehr großer. Als ich vor 4 Wochen das erste Mal vor fremden Menschen einen Vortrag über Depressionen und Suizid gehalten habe, war es sogar ein Stellen meiner eigenen Angst.

Aus einem Wunsch würde also Realität.

Daraus sind die Lesungen entstanden, die ich mir jetzt selbst organisiere. Ich schreibe das Buch ja noch. Gelesen wird aus meiner „Kladde“. Ja, es ist eine Art Therapie. Es reflektiert mich auch. Und die Menschen können Fragen
stellen, die mich auch weiterbringen, die mir eine andere Sicht geben. Ich kann ihnen etwas geben. Informationen. Die Gespräche danach, der Austausch, die Mails, alles ist immer auch eine Chance für mich. Ich habe das Gefühl
(seit sehr langem mal wieder), genau das tun zu müssen. Darüber zu reden.

Ich finde Twitter ist für mich das stärkste Medium wenn es ums
Sichtbarmachen geht. Geht es dir da genauso?
Twitter ist schnelllebig und groß. Mit dem richtigen Hashtag ist viel möglich. Positiv und negativ.

Kompliment an alle, die so mutig darüber schreiben, was sie empfinden, erleben und durchleben.

Der Nachteil ist natürlich, dass dort auch die Menschen unterwegs sind, die die fertigmachen möchten, die sich endlich offenbaren können. Ich weiß nicht, wie wir es besser nutzen können, aber die, die es nutzen, machen es für sich. Und das machen sie richtig. Ob mit Klarnamen oder Pseudonym. Wichtig ist doch nur, dass sie reden können. Das schaffen sie im Alltag oft nicht.

Wir dürfen nur nicht vergessen, dass es kein Therapieersatz ist, es macht eben nur sichtbar.

Und ja, bitte macht euch weiter sichtbar. Wir sind viele und wir müssen darüber reden.

Herr Bock // DepressionistDanke

Lieber Markus, danke für deine Offenheit, deine Zeit und deine Ehrlichkeit. Ich kann dem eigentlich nichts mehr hinzufügen ausser JA, lasst uns uns sichtbar machen um eben auch der Gesellschaft/der Politik und den Krankenkassen zu zeigen, dass hier viel getan werden muss um diese lebenslange Krankheit einzudämmen und den betroffenen Menschen zu helfen. Jeder Einzelne hat eine eigene Geschichte, mit einem eigenen Krankheitsbild. Hier kann man weder verallgemeinern noch eine Standardprognose stellen.

Ein weiteres spannendes Interview von Markus findet ihr bei Tollabea.

Einige weitere lesenswerte Artikel auf meinem Blog zum Thema Depressionen findet ihr unterstehend:

Die Depression das Miststück

-nicht alles glitzert 

PMDS

Wie eine Krankheit mein Leben auf den Kopf stellt.

Therapie online? Ja mit Selfapy

-Feuerwerkmädchen

eine Lehrerin mit 12 Sinnen

Habt eine schöne Woche und wenn ihr euch aussprechen wollt oder Fragen habt, dann schreibt mir gerne.

Eure Glucke

 

You Might Also Like

2 Comments

  • Reply Mit Depressionen leben - als Mensch, Vater und Blogger. Interview mit Markus Bock 3. Januar 2017 at 23:35

    […] Und wenn Ihr noch ein Interview mit ihm lesen wollt – Dani von Glucke und So hat ihn auch interviewt. […]

  • Reply Karina 14. November 2016 at 10:14

    sehr schöner beitrag, hab mit großem interesse gelesen!

  • Leave a Reply

    %d Bloggern gefällt das:

    Diese Website benutzt Cookies. Wenn Sie die Website weiter nutzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. mehr Infos

    Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

    Schließen