Montagspost

Ein Feuerwerkmädchen mit tiefen Gefühlen

10. Oktober 2016

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Guten Morgen ihr Lieben,

wie war denn euer Wochenende? So langsam wird der triste Herbst trister und dieser Regen ist manchmal ganz schön nervig oder? Es wurde hier irgendwie gar nicht so richtig hell und da schwankt auch mal die Stimmung etwas.

Heute habe ich auch eher etwas schwerere Kost für euch in der Montagspost aber es liegt mir sehr sehr am Herzen Tabuthemen zu brechen und aufmerksam zu machen.

Ich freue mich sehr, dass Leyla,ein Feuerwerkmädchen meine heutige Gästin den Mut hat über sich und ihr Leben so öffentlich zu schreiben.

Ich war sofort Feuer und Flamme, Sie in meiner Montagspost vorzustellen.

Liebe Leyla, wer bist du und wieso wolltest Du einen Blog schreiben?

Ich bin Leyla Sophie, ein Feuerwerkmädchen. Meine Hobbys sind das Schreiben und Basteln. Ich bin erst vor kurzem 18 geworden, stehe also noch am Anfang des Lebens. Vor etwa drei Jahren bin ich an einem Punkt angelangt, an dem ich verstanden habe: Es geht mir nicht gut und ich muss was dagegen tun. Ich wollte keine Hilfe in Anspruch nehmen, aber auf die Rückmeldung meiner Lehrer hin – sie meinten, ich könne gut schreiben, habe ich mir überlegt: Mach doch einfach einen Blog. Wenn es jemanden interessiert, dann wird er gelesen, wenn nicht, dann hilft es mir persönlich trotzdem, um verschiedene Dinge zu verarbeiten.

Du bist krank. Du verletzt dich selber- bzw. hast es getan. Kannst du uns ein wenig darüber erzählen? Wie ist es für dich, damit an die Öffentlichkeit zu gehen- hast du Angst vor den Reaktionen und wie fallen die aus?

Wenn man sich selbst verletzt, dann schüttet der Körper Dopamin aus- Glückshormone. Wenn der Körper blutet, dann spürt man oft den Schmerz nicht, ist wie betäubt- das liegt in der Natur. Es ist ein Schutz für uns. Und diese Glückshormone nutzt man -unter anderem-, wenn man sich selbst verletzt. Wieso genau ich mich selbst verletzt habe, kann ich bis heute gar nicht so genau sagen. Am Anfang hatte ich wahnsinnig Angst davor, aus dem Haus zu gehen. Darüber habe ich einen Beitrag geschrieben.

Mittlerweile trage ich seit einigen Monaten „armfrei“ und ich gehe auch Schwimmen.

Das heißt, ich habe viele Reaktionen mitbekommen. Es gibt Menschen, die erkennen die Selbstverletzung nicht und denken, es war ein Unfall. Manche starren einfach nur und manche sprechen mich darauf an. Aber es gab noch nie eine abwertende Reaktion darauf.
„Wir.Schreiben.Geschichte“ ist ein spannendes Projekt auf deinem Blog, was genau kann ich mir darunter vorstellen?

Also vor einigen Monaten habe ich einen Blogger getroffen, der meinte, er suche Leute für gemeinsame Schreibprojekte. Ich hatte mich gemeldet, aber es ist nichts geworden. Ich war aber so motiviert, dass ich kurzerhand die Rubrik „Wir.Schreiben.Geschichte“, die es in der Form nur auf meinem Blog gibt, gestartet habe. Das bedeutet, wenn jemand Lust hat gemeinsam einen Text zu schreiben, dann meldet sich die Person bei mir und wir versuchen das. Natürlich gibt es verschiedene Formen-

hier ein paar Beispiele:

Du bist dagegen, dass bei Kindern Sterbehilfe angewandt wird, so wie es in Holland und Belgien erlaubt ist. Wenn es dein Kind wäre, würdest du dann anders denken?

Nun, das ist eine sehr schwierige Frage. Ich kann die Frage nur so ehrlich beantworten, wie es meine jetzige Meinung ist. Aber wenn ich eines Tages wirklich ein Kind hätte, vielleicht würde ich dann anders denken. Ich bin der Meinung, dass Kinder das nicht entscheiden dürfen. Sie sind zu jung, um zu verstehen, was es bedeutet, nicht mehr zu leben. Aber das ist meine rationale Ansicht darauf, wenn es um Gefühle gehen würde, dann weiß ich nicht, wie ich mich entscheiden würde.

Du hast einen Test im Internet gemacht, der berechnet, wie schön man ist. Ist es nicht eigentlich schrecklich, dass es solche Tests überhaupt gibt, die Menschen das Selbstvertrauen entreißen?

In deiner Frage gibst du direkt schon eine Antwort. Solche Test entreißen Menschen das Selbstvertrauen. Sie sind menschenunwürdigend und ich zudem auch noch unrealistisch. Sie zeigen äußere, rein wissenschaftliche Schönheit auf- nirgends kannst du Tests über den schönen Charakter machen. Schönheit ist individuell, Schönheit kommt vom Herzen, Schönheit liegt im Auge des Betrachters.

Wie geht es dir denn heute?

Nach wie vor bin ich krank. Es gibt Diagnosen, die sich nicht einfach auflösen und ich werde auch den Rest meines Lebens krank sein. Am Anfang hat mich das erschreckt.

Aber mittlerweile sehe ich das entspannt: Ich war ja schon immer so.

Es wird sich nichts ändern. Ich habe hohe Phasen und tiefe Phasen. Die schlechten Tage liegen in der Mehrzahl, aber so ist es eben und ich komme klar damit. Ich habe nie aufgegeben zu kämpfen.

Ich spüre, dass depressive Menschen sehr oft sehr kreativ sind. Hast Du dieses Gefühl auch?

Ich weiß nicht wieso das so ist, aber das Leben hat es mir gezeigt. Ich selbst, bin sehr kreativ und habe sehr viele Menschen kennen gelernt, die Depressionen haben/ hatten und zugleich sehr kreativ sind. Menschen, die psychisch labil sind, haben meistens eine erhöhte emotionale Intelligenz- dass macht einen sensibler und schenkt einem das Auge für das Detail. Ich denke, damit hängt auch die Krativität zusammen. Aber vielleicht irre ich mich auch einfach nur 🙂

Es ist 2025 und du sitzt am Strand und schaust den Wellen zu. Wäre das eine Entspannung und schöne Vorstellung für dich?

Naja, ich muss zugeben: Nein. Ich mag das Meer nicht. Für mich ist das einfach sehr bedrohlich. Schön ist es, wenn es draußen stürmt, der Wind peitscht und ich einfach drinnen sitzen kann, in eine Decke gehüllt und eine Wärmflasche bei mir, im Hintergrund Vivaldi. Dann bin ich entspannt. Ich mag Gewitter.

Liebe Dani, danke für dein Interesse. Danke, dass du mir erzählt hast, dass du auch Depressionen hast. Ich bin noch sehr sehr jung, aber ich möchte dir gerne einen Tipp geben. Es darf dir auch schlecht gehen. Du musst nicht jeden Tag funktionieren. Du darfst auch mal einen Tag NICHTS TUN. Und dann musst du am nächsten Tag aufstehen und dein Leben weiter leben… aber Pausen sind doch völlig okay!

Liebe Grüße, Leyla Sophie

Liebe Leyla, danke das Du mir und meinen sowie auch deinen LeserInnen dein Vertrauen schenkst. Ich weiss selber wie schwer es ist über die eigenen Ängste, Dämonen und Gefühle zu sprechen und zu schreiben. Wir gehen an die Öffentlichkeit und machen uns umso verletzbarer. Nicht jeder versteht diesen Weg aber ich möchte uns ein Gesicht, eine Stimme geben. Ich finde es so wichtig, dass psychische Erkrankungen nicht nur gesehen werden sondern eben auch entwaffnet werden.

Wir sind nicht gestörte Menschen, die weggesperrt gehören. Menschen wie Du Leyla, zeigen das und ich wünsche Dir alles Glück dieser Erde. Du bist noch sehr jung und hast schon so viel erlebt und ich freue mich, daran teilzuhaben wie deine Seele, dein Herz und dein Geist heilen kann.

Hattet ihr bereits Erfahrungen mit Selbstverletzendem Verhalten(SVV)? Was hat euch geholfen? Erzählt uns davon.

Habt eine schöne Woche

Eure Glucke

 

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4 Comments

  • Reply ideas4parents 11. Oktober 2016 at 10:55

    Hallo Dani und Leyla,
    dieser Post ist wirklich sehr gut gelungen. Es ist immer toll, wenn Menschen sich so offen zeigen und authentisch sind. Das verlangt viel Mut und Überwindung und deshalb ist es umso tapferer. Nur wenn wir uns zeigen und zu uns stehen, kommen wir im Leben weiter. Das Thema Depression ist nicht leicht und viele Menschen können sehr gut verstecken, wie es in ihrem Inneren aussieht, so dass die Leute um sie herum gar nichts mitbekommen. Aber das ist genau der falsche Weg, denn so gelangt man in einen Teufelskreis. Deine Selbstverletzungen waren ein Hilfeschrei und es toll, dass du deine Narben jetzt so offen zeigen kannst. Wir wünschen dir nur das Beste auf deinem Weg!
    Liebe Grüße
    ideas4parents-Team

  • Reply Ella 10. Oktober 2016 at 8:56

    Liebe Leyla Sophie, liebe Dani,

    ja, ich hatte in meiner Teenager-Selbstfindungs-Phase eine kurze Zeit, in der ich mich selbst verletzt habe. Allerdings nicht besonders tief mit einer Rasierklinge und mit heißem Kerzenwachs, man sieht davon heute nichts mehr. Aber ich kann das daher sehr gut nachvollziehen. Bei mir waren das vorallem auch schulische Probleme und der Gedanke bestimme Erwartungen erfüllen zu müssen. Bei mir vielleicht auch nochmal verstärkt, weil ich eine Zwilling-Schwester habe die einfach „besser reingepasst hat“ in das Schulsystem. Ich denke es ist wichtig seinen eigenen Weg zu finden, sich frei zu machen von Erwartungen, die andere vielleicht an dich haben. Auch (wieder Thema) Vitamin D kann bei Depressionen helfen, denn Vitamin D ist eigentlich ein Hormon und wer Vitamin D und Depressionen googelt findet sehr interessante Erfahrungsberichte. Am besten hat mir der Satz gefallen: DU darfst auch mal einen Tag nichts tun. Und da sind wir wieder beim Thema Zufriedenheit und „Vorsätze“. An sich arbeiten ist gut, aber zu große Ziele setzen dich auch schnell unter Druck. Also kleine Schritte. Der Weg ist das Ziel.

    Liebe Grüße
    Ella

    • Reply Glucke 10. Oktober 2016 at 20:54

      Liebe Ella,
      wow gleich 2 neue Infos über Dich, du hast eine Zwillingsschwester? Ja das mit Vitamin D habe ich gelesen, es hat aber eher was damit zu tun, das Sonnenlicht eben Glückshormone freisetzt und Vitamin D dadurch produziert wird-also eine Symbiose sozusagen.
      Das frei machen von Erwartungen ist echt so ein Ding, das ich noch lernen muss.
      Danke für deine Offenheit.
      Liebe Grüße
      Dani

      • Reply Ella 11. Oktober 2016 at 10:21

        Wir sind Zweieiige-Zwillinge, also eigentlich ganz normale Schwestern die nur zufällig zur gleichen Zeit in Mamas Bauch waren. Aber natürlich wird man dann auch mehr miteinander verglichen, als normale Geschwister. Vielleicht wird die Wirkung von Vitamin D bewusst unter den Teppich gekehrt: An kranken Menschen lässt sich natürlich mehr verdienen als an gesunden. Das mit den Erwartungen von außen ist sehr schwierig, denn wir sind ja auch soziale Wesen und möchten oft einfach dazugehören (Mitläufer). Kennst du das Video mit der versteckten Kamera im Wartezimmer und dem Piep-Ton bei dem alle aufstehen? Das ist psychologisch sehr interessant.

        Liebe Grüße
        Ella

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