Ich die Glucke

Bin ich ein Leitwolf oder eher auf Kuschelkurs aus?

25. Februar 2016

Leitwoelfe_Familie- LeitwolfAlles was Eltern seit Jahrhunderten wollen ist, das ihre Kinder glücklich werden. Zumindest denke ich, dass dies zu dem wichtigsten Wunsch aller Eltern gehört.

So einfach das klingt, so kompliziert ist die Umsetzung.
Wird man Mama oder Papa, denkt man, man hat eine Richtung im Kopf, wie man sein Kind „erziehen“ oder begleiten möchte, um sich irgendwann allein in dieser großen verrückten Welt selbstbewusst zurechtzufinden.

Die Realität ist aber, dass sich diese Richtung recht schnell im Kreis drehen kann. Einflüsse sind das eigene Wollen, die eigenen Prinzipien und ganz klare Vorstellungen davon, wie das gemeinsame Aufwachsen ablaufen soll. Hinzu kommen die Erfahrungen der eigenen Kindheit. Die einen wollen es genauso wie ihre Eltern machen und die anderen würden einen Teufel tun und versuchen alles ganz ganz anders zu machen. Die wenigsten denken sich gar nichts. Alle haben eins gemeinsam, Sie arbeiten zu sehr an dem was Sie wollen, statt es einfach zu tun.

Ich möchte euch kurz erläutern was meine Vorstellungen waren BEVOR ich Mama wurde und im Laufe des Textes seht ihr, wie ich es tatsächlich handhabe seitdem der Prinz da ist.

  • keine Verbote
  • viel Liebe
  • kein Fernsehen bevor er 12 ist (was ja ein Verbot wäre)
  • kein Handy bevor er 14 ist  ( was ja ein Verbot wäre)
  • kein Familienbett
  • mit einem Jahr im eigenen Bett und eigenem Zimmer schlafen
  • „antiautoritär“ erziehen was auch immer das hieß
  • keine Strenge zeigen, was zu antiautoritär passen könnte
  • Kind soll selbstbewusst aufwachsen

Das waren meine Vorstellungen, die ich im Laufe meines Lebens gewonnen hatte. Nicht durch irgendwelche Bücher sondern das waren verankerte Wertvorstellungen. Sicherlich durch die eigene Kindheit geprägt aber auch durch die Kindheit der Freunde aus meinem Umfeld. Schon immer sammelten wir unsere Erfahrungen aus verschiedenen Quellen. Heute ist die meist gefragte und fast schon angsteinflößende Quelle, das Internet. Die Informationen über Erziehungsmodelle sind schier nicht mehr zu überblicken und das hat, wie alles im Leben, Vor- und Nachteile. Ich habe immer viel gelesen aber selten Fachbücher. Eher Foren, Statistiken, Blogs oder Zeitungsartikel. Pädagogik und die Welt der Familienmodelle waren mir ein Begriff aber die Wichtigkeit war gar nicht gegeben. 

Kaum war ich schwanger, änderte sich alles. Natürlich spielten da die Hormone eine Rolle aber auch das Umfeld, da sich Gespräche nun um Kinder und Erziehung derer drehten. Viele Einflüsse prasselten auf mich ein aber ich spürte eins recht schnell. Ich mache mein Ding. Ich lasse mir nicht reinreden. Ich muss meine eigenen Erfahrungen sammeln. Ich las noch mehr. Ich versuchte mich auf alles vorzubereiten, so gut es ging, denn es gab nichts wichtigeres als den Prinzen glücklich zu machen.

Der Prinz war da und für mich war ganz klar, dass bestimmte Vorstellungen, die ich hatte, nicht mehr zu mir und dem Modell, was sich in mir entwickelt hatte, noch passt. Die Bedürfnisbefriedigung des Prinzen stand und steht für mich ganz oben in der Prioritätenliste. Das war bis zum 2. Lebensjahr eigentlich relativ einfach. Ich achtete instinktiv auf ihn und das was er wollte. Ich ließ mich darauf ein, gelassener zu werden. Den Dingen ihren Lauf zu lassen und immer stützend da zu sein, wenn ich gebraucht werde. Mir halfen 2 Blogs dabei, diesen Weg für mich zu finden. Geborgen Wachsen und das Gewünschteste Wunschkind aller Zeiten schrieben über alle Themen, die mich fortan extrem interessierten und Sie halfen mir ein Kind mit völlig neuen Augen zu sehen und mich dadurch neu zu definieren.

Für mich war aber immer klar, dass ich MEINEN Weg finden sollte, denn auch das verstand ich, jedes Kind ist anders und auch jeder Erwachsener. Ich habe bestimmte Eigenheiten, Marotten und auch Bedürfnisse, die berücksichtigt werden müssen, damit es funktioniert. Folgende Frage stellte ich mir, als der Prinz so 22 Monate alt wurde und langsam selbstbestimmter Dinge einforderte.

Möchte ich ein Leitwolf sein und mein Kind durchs Leben führen oder eher nicht?

Was halte ich von Führung im Allgemeinen? ich hatte bereits Führungspositionen im beruflichen Leben und ich glaube ich kann das in diesem Bereich ganz gut, finde mich aber selber oft zu streng und nicht immer so konsequent in der Umsetzung, wie in meinem Kopf.

Mein Leben als Mutter sieht da ganz anders aus. Ich wurde streng erzogen. Das fand ich natürlich gar nicht gut . Heute kann ich das etwas differenzierter betrachten. Jede Generation hatte ihre „Erziehungsmethoden“. Keine wollte ihren Kindern schaden zufügen. Ich hörte, als ich anfing zu bloggen, von einem gewissen Jesper Juul oder Herbert Renz-Polster. Im Zuge von Recherchen und auch von Neugierde, las ich ein bisschen bei den Herren rein und fühlte mich wohl mit dessen Inhalten. Auch hier versuchte ich mich zu reflektieren und war bestätigt, in meinem Weg. 

Immer wenn ich etwas lese, nehme ich mir, die für UNS umsetzbaren Inhalte mit und baue Sie in unser Leben ein. Das mag wie ständiges experimentieren klingen, ist es aber ganz und gar nicht. Ich lasse mich aber gerne führen, wenn ich den, durchweg positiven Nutzen für die ganze Familie sehe.

Ich habe begriffen, dass die Bedürfnisse von uns Dreien wichtig sind und ein Kind ebenso Führung braucht, genauso wie auch die Erwachsenen. Nun hat der MyToys Blog anlässlich des neuen Buches von Jesper Juul „Leitwölfe sein“ eine Blogparade ins Leben gerufen um zu fragen, was wir von Führung halten.

Der wunderbare Beltz Verlag und MyToys haben mir dieses fantastische Buch dafür oder deswegen zugeschickt.Leitwoelfe-sein-Juul-Cover* Für diesen Artikel, ist es eine tolle Ergänzung und ich wollte nochmal danke dafür sagen. Herr Juul schreibt darüber*, wie wichtig es ist, dass Kinder geführt werden. Er zeigt anhand vieler Beispiele, wie Kinder sich fühlen wenn man dies nicht tut. Was ich richtig gut an dem Buch finde ist, dass er zwischen der Mutter und der Vaterrolle unterscheidet und ebenso viele Lebensabschnitte des Kindes anspricht. Ich habe nie vorher ein Buch von Jesper Juul gelesen und ich bin jetzt traurig darüber, denn dieses Buch ist unglaublich verständlich und sympathisch formuliert, dass wirklich jeder Elternteil sich daraus etwas mitnehmen kann. Ich habe das Buch an einem Abend gelesen und sogar meinem Mann bestimmte Abschnitte noch vorgelesen.

Das Kinder einen Leitwolf in der Familie brauchen ist nicht nur so daher gesagt. Die Umsetzung ist aber dennoch recht schwierig. Wieso?

Naja ihr kennt mich, ich bin eine Glucke. Ich will meinem Kind alles recht machen aber auch gewisse „Regeln“ vorgeben. Das kollidiert manchmal. Jemandem immer alles recht zu machen kann nach hinten losgehen. Jesper Juul beschreibt auch an einigen anschaulichen Beispielen wieso. 

Mir war recht schnell wichtig, dass mein Kind lernt bewusst NEIN zu sagen und ganz selbstbestimmt zu entscheiden, was er nicht mag und nicht möchte.

Ich möchte einfach, dass er ein gesundes Selbstvertrauen aufbaut um im Leben und ganz aktuell, in der Kita zurecht zu kommen. Ich bin eben nicht immer bei ihm( auch wenn ich es manchmal gerne wäre) und wollte ihm das mit auf den ersten selbständigen Weg mitgeben. Ich war recht überrascht von mir selbst, dass ich das anscheinend nicht immer nur bewusst,  gut an ihn vermittelte. 

Das Entwicklungsgespräch der Kita(soll ich euch eigentlich davon erzählen?) brachte genau das hervor. Der Prinz sei ein sehr selbstbewusstes Kind, was genau weiss was es möchte und was nicht. Die Kita findet es toll und unterstützt es und genau das, finde ich fantastisch, denn es muss natürlich auch respektiert werden, wenn ein Kind nein sagt. Das Witzige ist, dass ich ihm gegenüber gar nicht immer so selbstbestimmt nein sagen kann oder sogar will.

Das bedeutet ja, dass ich wohl unbewusst ein Leitwolf bin aber bewusst es manchmal als „versagen“ wahrnehme. Jeder der uns kennt, sagt, dass ich den Prinzen sehr überzeugt und frei aufwachsen lasse. Das bedeutet, man weiss, was ich möchte und was ich für ihn möchte, jedoch lasse ich ihn, sich frei entfalten. Das klingt immer so überschneidend ist es aber gar nicht. 

Es ist natürlich Balsam für meine Seele,dass die Welt da draussen mein Kind sieht und hört und unseren Weg bestätigt, denn auch wenn es mir vollständig egal sein sollte, was alle anderen denken, es ist nicht so.

So oft stoße ich auf Unverständnis im Umfeld. Ich werde als „Öko-Hippie-Mutti“ beschimpft nur weil ich mit dem Prinzen alles bespreche, statt gleich etwas strikt zu verbieten. Ich werde belächelt, weil ich ihn nicht fördere und auch wenig von Förderung halte. 

Ich merke immer mehr:

  • wie egal mir dieses Unverständnis meistens ist. 
  • wie sicher ich mir auf meinem, unserem Weg bin.
  • das Führung wichtig ist um als Familie nicht den Halt zu verlieren
  • das Führung eine Richtung ist-die trotzdem variabel verändert werden kann wenn es gut für alle beteiligten Familienmitglieder ist.
  • das Liebe und Führung symbiotisch funktionieren 
  • das „Erziehung“ ein Wort ist was mir gar nicht mehr gefällt sondern ich es eher als Begleitung sehe
  • das meine Sicht auf Kinder, dass sie gleichwertige Menschen wie wir sind, unseren Weg positiv verändert hat
  • das mein fehlendes Selbstvertrauen dem Prinzen nicht unbedingt schadet. Ich lerne aus eigenen Erfahrungen und gebe es optimiert weiter
  • das Kommunikation nach wie vor der Schlüssel für alle funktionierenden Beziehungen ist.

Abschließend kann ich sagen, dass ein Kuschelkurs gar kein Problem ist. Ich kuschele jeden Tag sehr ausgiebig mit dem Prinzen und doch sage ich auch, wenn ich es nicht mehr mag und er sagt es ebenso. Kuschelkurs ist hier vielleicht auch in einer anderen Bedeutung gemeint. Denn kuscheln bedeutet für mich Zuneigung zeigen und das sollte man immer wollen und auch tun. Als Erziehungsform ist es wohl eher auf eine duckende, ergebende Haltung gegenüber dem Kind, gemeint und für mich nicht als sinnvoll zu sehen.

Mein Mann und ich führen unsere Familie. Gemeinsam. Jeder auf seine Weise. Wir geben uns Halt, Routine und Selbstvertrauen. Wir entwickeln uns persönlich weiter und wachsen mit dem Prinzen an diesen Herausforderungen. 

Wir gehen auf Augenhöhe zum Kind und das Verständnis ist auf beiden Seiten vorhanden. Nicht immer in der Intensität, in der man es bräuchte aber wir sind ja auch keine Roboter. Wir haben alle Gefühle in unterschiedlich starken Ausprägungen. Wir sind alle nicht jeden Tag gleich und es gibt kein Wundermittel gegen oder für die Autonomiephase oder irgendeinen Wachstumsschub.

Wisst ihr was mir am meisten geholfen hat? AKZEPTANZ. Ich akzeptiere einfach, das es eben jetzt so ist wie es ist. Der Prinz ist wütend und weint. Ok. Wir kriegen das hin. Ich will es nicht abstellen oder ihn zum verdrängen bringen. So weh es mir tut und so hilflos ich bin. Dieser Frust und diese verschiedenen Gefühle, die wir Erwachsenen kennen, erlernen die Kinder erst.

Man kann es Ihnen nicht abnehmen aber man kann Sie begleiten, sie da durch führen und uns da durch führen.

Klingt so als ob ich ne super super Mama bin die alles richtig macht? Weit gefehlt. Ich empfinde mich als gute Mama  aber ich bin so oft ungeduldig, genervt, werde auch mal laut, oder ganz leise, ich weine, ich meckere, ich jammere und bin auch mal ungerecht. Ich bin oft nicht pädagogisch wertvoll und fühle mich manchmal wie der Depp der Nation aber hey, das ist total ok. Man ist weder ein schlechter Mensch noch eine schlechte Mama deswegen. Auch Jesper Juul arbeitet seit 35 Jahren an seinen Erkenntnissen und das mache ich eben auch. Seit 2,5 Jahren wachse und lerne ich, wie es für uns passt und wir werden noch Jahre lang weiter lernen.

Nie wird ein Fachbuch oder dergleichen wissen können, wie mein Kind ist und wie ich darauf zu reagieren habe. Wir sollten die Literatur, die uns zur Verfügung gestellt wird immer als kleines Puzzleteil unseres Lebens betrachten. Es passt irgendwo in das 10000er Puzzle rein aber es hat Ecken und Kanten und Rundungen und das passende Stück zu finden, dauert eine Weile. Ich möchte damit sagen, dass wir Verantwortung für uns, unser Denken und unsere Familie haben und nicht ein Herr Juul oder dergleichen. Vertraut auf euch und euer Bauchgefühl.

Es gibt übrigens bereits weitere sehr aufschlussreiche Beiträge zu dieser Blogparade, die ich euch hier gerne aufliste:

  1. Die Frühlingskindermama
  2. Weddinger Berg
  3. Ein Haufen Liebe
  4. Marmeladenschuh

Seid ihr Leitwölfe oder haltet ihr von Führung nichts?

Eure Glucke

*Der Beitrag enthält einen Affiliate Link vom Amazon Partner Programm. 

 

 

 

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6 Comments

  • Reply Wieso es jeden Tag Salatgurke gibt? #MissionFood4Kids ~ Glucke und So 1. März 2016 at 8:38

    […] Alkohol. Er fragt und schaut und ich muss auch öfters nein sagen aber ich finde das in Ordnung. Kinder lernen genauso ein Nein zu akzeptieren, wie Erwachsene es von Kindern lernen. Es gibt keine Tabus oder grundsätzliche Verbote für immer […]

  • Reply marmeladenschuh 28. Februar 2016 at 17:23

    Liebe Dani, hier kommt mein Link, vielen Dank!
    https://marmeladenschuh.wordpress.com/2016/02/28/gedanken-zu-jesper-juuls-leitwoelfe-sein/

  • Reply Gedanken zu Jesper Juuls “Leitwölfe sein” | 28. Februar 2016 at 17:13

    […] Schaut doch mal vorbei und lest nach, was andere von dem Buch halten. Auch bei Dani von “Glucke und so” gibt es eine Liste weiterer […]

  • Reply [Links der Woche #1] Jesper Juuls, das schlechte Gewissen, Akte X und Hollywood | Klaudia bloggt ... 28. Februar 2016 at 8:58

    […] gut haben mir dabei die Sichtweisen von Nadia Meier auf dem tagesanzeiger.ch Mamablog, von Dani auf gluckeundso.de und von Simone auf Der Blog! … von Kiko & SL. Events gefallen. Alle drei Frauen haben […]

  • Reply Steffi 27. Februar 2016 at 9:06

    Hallo Dani, ich habe deinen Bericht über die Blogparade von mytoys gefunden und gerne gelesen. Ich habe auch etwas dazu geschrieben.
    Ich wollte dir nur den Hinweis geben, dass deine Social Media Buttons oben rechts nicht funktionieren, weil du die Webseitenadressen doppelt im Link hast. Ich wollte nämlich mal auf deine Seiten schauen. 🙂
    LG Steffi

    • Reply Daniib3005 27. Februar 2016 at 19:33

      danke für den Tipp, das schau ich mir gleich mal an.

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